DIE KUNST DER FUGEIn Deutschland herrscht zu Beginn des neuen Jahrtausends offenbar ein ausgeprägtes Bedürfnis nach positiven Leitbildern aus Geschichte und Gegenwart. Denn sonst wäre eine rein von der Zuschauerbeteiligung lebende ZDF-Sendung wie „Unsere Besten“ nicht derart erfolgreich gewesen. Unter den Top Ten versammelten sich schließlich historische Größen wie Goethe, Luther, Marx - und eben auch Johann Sebastian Bach. Als dieser Bach am Ende der Abstimmung selbst noch vor Goethe, Gutenberg und Einstein landete, war nicht nur der Kenner der Materie erstaunt. Wo blieben der Wunderknabe Mozart (der ja auch Österreich gehört) oder der alles beherrschende weltumspannende Titan Beethoven? Der auf den ersten Blick eher sperrige Bach aus dem Barock ließ sie alle hinter sich und bestieg den deutschen Musik-Olymp. Ein Erklärungsversuch dafür. Die musikalische Epoche des Barock ist geprägt und durchsetzt von Kriterien wie Ordnung, Klarheit, Hierarchie. Regeln und Gesetze schaffen durchsichtige Strukturen, die auch heute noch in ihrer Konsequenz funktionieren und den Hörer überzeugen. Diese Kriterien prägen große Teile des gewaltigen Bachschen Gesamtwerks. Das große Abschlusswerk dieses Œuvres bildet Die Kunst der Fuge, dieses faszinierende Kompendium Bachscher Fähigkeiten und Kenntnisse. Mittlerweile weiß man (nicht zuletzt durch wissenschaftliche Analysen von Papier und Wasserzeichen), dass Die Kunst der Fuge partiell bereits in der ersten Hälfte der 1740 Jahre entstanden ist und dass Bach noch im Jahr 1749 an der Herstellung des erst 1752 erschienenen Erstdrucks mitgearbeitet hat. Damit konnte auch der von Carl Philipp Emanuel Bach im Autograph angebrachte Vermerk „Über dieser Fuge, wo der Name BACH im Contrasubject angebracht worden, ist der Verfasser gestorben“, ins Reich der Fabel verwiesen werden. Mit anderen Worten könnte Bach sehr wohl die das Werk beendende Quadrupelfuge im verschollenen kompletten Originalmanuskript vollendet haben.In Die Kunst der Fuge unterwirft Bach alle musikalischen Verläufe sehr rigide und konsequent dem Gesetz eines einzigen musikalischen Gedankens. Bereits in den Goldberg-Variationen und in den Variationen über „Vom Himmel hoch...“ hatte Bach diese Idee erprobt. Die monothematische Grundidee findet allerdings erst in der Kunst der Fuge ihre Vollendung. Die Fuge war neben dem Generalbass das musikalische Symbol der barocken Epoche. Ihre Geschlossenheit folgt nur den formimmanenten Gesetzen und benötigt kein äußeres Programm. Die Fuge entwickelt sich aus einem Grundgedanken oder Thema heraus, indem sie in mehreren Stimmen gemäß gewissen strikten Aufbauprinzipien behandelt wird. Trotz der Befolgung aller kontrapunktischen Regeln und der technischen Meisterschaft – Bach betitelte die einzelnen Nummern des Werkes übrigens nicht mit Fuge oder Kanon, sondern mit „Contrapunctus“ – kommt in der Kunst der Fuge die persönliche, zutiefst menschliche Handschrift des Komponisten nicht zu kurz. Zu den ungeklärten, weil nicht explizit gelösten Problemen der zählt die Instrumentierung des Werkes. Bach hatte eine theoretische Notationsweise, nämlich in Partiturform ohne Angaben von Besetzung gewählt. In der vorliegenden Ausgabe von Sir Neville Marriner und Andrew Davis aus dem Jahr 1973 spielen zwei Violinen, Viola, Violoncello, Violone, zwei Oboen, Englischhorn, Fagott, Orgel und zwei Cembali.Hier folgt nun eine Zusammenfassung der einzelnen Sätze:1. Einfache Fuge über das Thema in seiner Originalgestalt (Streichquartett)2. Einfache Fuge über das Originalthema, doch mit einer vom vierten Takt des Themas abgeleiteten rhythmischen Veränderung (volles Orchester)3. Einfache Fuge über das umgekehrte Thema mit einem Gegenthema (Orgel)4. Einfache Fuge über das umgekehrte Thema, doch mit frei durchgeführten Episoden (volles Orchester)5. Ein Kanon in der Oktave und in der Art einer Gigue (Cembalo)6. Strettofuge mit dem Thema in seiner ursprünglichen Form und seiner umgekehrten Form; die Stretti oder Steigerungen werden durch die Überschneidung von Stimmen in kurzen Intervallen erzielt und die vorliegende Fuge wird auch durch von Teilen des Hauptthemas abgeleiteten Episoden ausgedehnt (volles Orchester)7. Strettofuge mit dem viermal verschiedentlich verwendeten Hauptthema; das Ganze ist laut Bach im „stile francese“ gehalten und kann mit dem langsamen Teil einer französischen Ouvertüre verglichen werden (Cembalo)8. Ein zweistimmiger Kanon9. Eine Fuge über drei Themen; nach der Doppelfuge des Mittelteils erscheint eine weitere Durchführung, gefolgt von einer hochkomplizierten Fuge über eine Variante des Originalthemas (volles Orchester)10. Eine dreistimmige Fuge (Orgel)11. Ein Kanon in der Duodezime (Cembalo)12. Eine Fuge mit vier Stimmen und Kontrapunkt in der Duodezime;eine Art Exposition ist hier von der kleinen Achtelnote imOriginalthema abgeleitet (volles Orchester)13. Eine dreistimmige Fuge (Streichquartett)14. Ein Kanon in Gegenbewegung (Cembalo)15. Eine mächtige vierstimmige Fuge, in der das Hauptthema rhythmisch aufgebrochen ist, mit stark betonter Chromatik(volles Orchester)16. Die erste einer Reihe von Spiegelfugen, wo jede Stimme melodisch umgekehrt werden kann17. Eine weitere Spiegelfuge (Streichquartett)18. Wieder eine Spiegelfuge (zwei Cembali)19. Die Umkehrung von Nummer 16 (Orgel)20. Die Umkehrung von Nummer 17 (Streichquartett)21. Die Umkehrung von Nummer 18 (zwei Cembali)22. Die unvollendete Quadrupelfuge (volles Orchester)


  • Wykonawca Academy of St. Martin In Fields
  • Data premiery 2004-02-16
  • Nośnik CD